13. April 2022

5000 Farben für die Sinne – In Waldsassen entsteht ein „Glas mit Seele“

Lesezeit: 5 Minuten

Wer heute in Richtung nördliche Oberpfalz, hin zur tschechischen Grenze unterwegs ist, der kommt an Waldsassen nicht vorbei. Waldsassen ist eine Stadt im Oberpfälzer Landkreis Tirschenreuth an der Bayerischen Porzellanstraße und das kulturelle Zentrum des Oberpfälzer Stiftlands. Wer Waldsassen meint, denkt entweder an die Abtei der Zisterzienserinnen oder die Glashütte Lamberts.

In Waldsassen, nahe der damals böhmischen Grenze, siedelten sich 1884 eine, 1906 eine weitere Glashütte an, die von den Kaolin- und Kohlevorkommen im Nachbarland sowie dem Wasservorkommen und den guten Transportbedingungen profitierten. Hergestellt wurde rohes, geblasenes Spiegelglas. In der Folge der Weltwirtschaftskrise mussten die Hütten 1929 stillgelegt werden. Die ältere der beiden (Glasfabrik der Gebr. Bloch) wurde nicht wieder in Betrieb genommen, die jüngere hingegen von einem Fürther Unternehmen mit kurzlebigem Erfolg weiterbetrieben. Dieser 1906 unter dem Namen Glasfabrik Waldsassen GmbH gegründete Betrieb nahm zwischen 1934 bis 1939 die Produktion unter dem Namen Glasfabrik Lamberts, Waldsassen auf. Seitdem hat er die Spezialisierung auf Antik-, Bunt- und Signalglas vorangetrieben und war 1943 der erste Betrieb, der gezogenes Farbenglas herstellte. Seit 1988 lautet der Unternehmensname Glashütte Lamberts. Im Jahr 2018 wurde Rainer Schmitt Eigentümer und Geschäftsführer des Traditionsunternehmens. Schmitt ist im Glaserhandwerk schon längst kein Unbekannter mehr. Als Inhaber und Geschäftsführer der Glaserei Schmitt und den Glasstudios Derix in Taunusstein, gehört er zu den „Big-Playern“ des Glaserhandwerks, trägt für mehr als 160 Mitarbeiter in seinen Unternehmen die Verantwortung.

Wer Schmitt schon einmal begegnet ist, weiß, dass er nicht nur Unternehmer, sondern auch Visionär ist. Das spiegelt sich in den Angeboten seiner Betriebe wieder. Seine unternehmerischen Anfänge begannen mit der Glaserei Schmitt in Taunusstein. Es folgten die Übernahmen der Derix Glasstudios und der Glashütte Lamberts. Letztere sicherlich nicht aus unternehmerischer Neugier, sondern aus der Notwendigkeit heraus, nicht plötzlich ohne mundgeblasenes Antikglas aus Deutschland dazustehen. Ein Glas, was die Grundlage für sein Wirken in den Derix Glasstudios bildet. Schmitt: „Plötzlich stehst du vor der Entscheidung zukünftig antikes Glas im Ausland einzukaufen – mit all den Nachteilen – oder du kaufst die Glashütte Lamberts, als sie zum Verkauf stand und kein Käufer weit und breit in Sicht war, um sie in Eigenregie weiterzuführen. Zum damaligen Zeitpunkt war die Nachfrage nach antikem Glas nicht besonders groß, kämpften die noch existierenden Glashütten Tag für Tag ums nackte Überleben.“ Für den umtriebigen Unternehmer aus Taunusstein, der zu diesem Zeitpunkt mit seinen Glasstudios sowieso bereits schon weltweit unterwegs war, um mit namhaften Künstlern Objekte zu realisieren, war die Glashütte eine gute Ergänzung, wie sich später herausstellen sollte.

Durch seine weltweiten Tätigkeiten mit den Derix Glasstudios in Taunusstein konnte er ohnehin schon auf ein hervorragendes globales Netzwerk aufbauen, was ihm beim Vertrieb des Lamberts-Glas zugute kam.

Die Glashütte Lamberts zählt heute zu den drei verbliebenen Betrieben weltweit, die mundgeblasenes Flachglas auf traditionelle Weise herstellen. Glasmalbetriebe, die in Zusammenarbeit mit Künstlern Kunstwerke anfertigen, sind auf diese Fertigung angewiesen. Die Glashütte beliefert heute hauptsächlich internationale Auftraggeber. Doch auch in Deutschland gibt es eine steigende Nachfrage nach den Gläsern aus Waldsassen. Heute gehören unter anderem die Glasmalerei Peters, die Mayer'sche Hofkunstanstalt, weitere Glasveredlerbetriebe und natürlich sein eigenes Unternehmen in Taunusstein zu den Abnehmern des „begehrten Glases“. Durch das Weiterbetreiben der Glashütte durch den „Taunusteiner Bub“  rofitieren sie jetzt alle von kürzeren Lieferfristen und der Möglichkeit, regelmäßig vor Ort ihre Projekte abzstimmen zu können. Bei einem Bezug des Glases aus dem amerikanischen Markt wäre dies nur schwerlich möglich gewesen. Aufgrund ihrer traditionellen Herstellungsmethoden gilt die Glashütte Lamberts auch in der historischen und archäologischen Forschung als Referenz für die handwerklichen Techniken früherer Epochen.

Das in alter Handwerkstradition und einem faszinierenden Fertigungsprozess mundgeblasene Flachglas genießt internationals Renomee. Glaswerkstätten schaffen in Zusammenarbeit mit Künstlern einmalige Werke, die zum Beispiel in der Dresdner Frauenkirche, in der Kathedrale von Notre Dame in Reims oder im Airport Hongkong zu sehen sind.

1906/07 wurde die Ofenhalle errichtet und zählt heute zu den geschützten Industriedenkmälern. Die freitragende Holzkonstruktion des außergewöhnlichen Industriedenkmals wurde ursprünglich für die Bayerische Landesgewerbe- und Industrieausstellung 1896 in Nürnberg erbaut. Von dort gelangte sie 1906 nach Waldsassen. Seit diesem Umzug wird in der Halle Glas produziert. Die aufwändige Dachkonstruktion der denkmalgeschützten Halle wurde 2009/10 generalsaniert und mit dem Kulturpreis des Bezirks Oberfranken in der Kategorie Denkmalpflege im Oktober 2011 ausgezeichnet.

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Die historische Ofenhalle (1906) steht unter Denkmalschutz / Foto: Robert Christ

Wenn der Unternehmer aus Taunusstein heute seine Kunden und Künstler aus aller Welt in seinen „heiligen Hüttenhallen“ empfängt, kann er nicht ohne Stolz darauf verweisen, dass die dort seit Generationen praktizierten, handwerklichen Tätigkeiten zwischenzeitlich dem Kulturerbe zugeordnet wurden. Schmitt: „2015 wurde die manuelle Fertigung von Hohl- und Flachglas durch ein Expertenkomitee der deutschen UNESCO-Kommission in das Verzeichnis „Immaterielles Kulturerbe der traditionellen Handwerkstechniken“ aufgenommen. Wissen und Praxis der Glasmanufaktur sollen somit bewahrt werden.“ Für den „Glaspapst mundgeblasener Antik-Gläser“ ist diese Auszeichnung auf der einen Seite eine  bemerkenswerte Anerkennung, auf der anderen Seite aber auch eine stetige Herausforderung im Alltag. Schmitt: „Die Fachleute, die bei mir an den Öfen stehen und Tag für Tag unter körperlichen Höchstleistungen das mundgeblasene Antik-Glas herstellen, haben ihr Fachwissen von vorhergehenden Generationen vererbt bekommen und über Jahre hinweg weiter ausgebaut. Geht dieses Fachwissen verloren und muss ersetzt werden, findet man solche einzigartigen Fachkräfte nicht einfach auf dem Arbeitsmarkt. Für unseren Beruf des Glasbläsers hier in Waldsassen gibt es keine gesetzliche Ausbildungsverordnung, die für den Fachkräftenachwuchs steht. Dies macht die Suche nach adäquaten Arbeitskräften nicht gerade einfacher. Daher habe ich stets ein Auge darauf, den Nachwuchs in den eigenen Reihen heranzuziehen.“ Damit ist der neue Besitzer der „Waldsassener Glashütte“ zwangsläufig in einem ständigen Erhaltungsprozess zur Wahrung des „Immateriellen Kulturerbes der traditionellen Handwerkstechniken“ eingebunden, indem Wissen und Praxis der Glasmanufaktur bewahrt bleibt.

"In unserem Glas liegt die Seele. Mundgeblasenes und handgefertigtes Flachglas veredelt das Licht in unzähligen Gebäuden dieser Welt. Führende Architekten und Künstler vertrauen auf die brillante Wirkung unserer Gläser. Wir stellen unsere Tafelgläser als einzige Manufaktur in Deutschland noch auf traditionelle Weise her. Als weltweit einzige Glashütte fertigen wir diese Glasscheiben in über 5.000 verschiedenen Farben und Strukturen. Mit rund 70 Mitarbeitern produzieren wir in unserer historischen Ofenhalle – selbst ein  beeindruckendes Industriedenkmal – die Gläser aufwendig von Hand. Der Aufwand lohnt sich, denn auf diese Weise entsteht einzigartiges Glas: Kleine Lufteinschlüsse und eine unregelmäßige Oberfläche bilden dabei die ideale Grundlage für Denkmalschutz und Glaskunst. Dabei sind wir nicht nur der Tradition verpflichtet, sondern vor allem auch der Nachhaltigkeit: Unter anderem beziehen wir Materialien regional und investieren stetig in die Verbesserung unserer Prozesse sowie der technischen Ausstattung.“

Die Glasmanufaktur

Die Glashütte Lamberts verfügt über ein Lager mit 50.000 Glastafeln. Das „Glas mit Seele“ – wie Schmitt gerne sagt – wird von Fachleuten international geschätzt und steht heute auch für Well-Being. Architekten arbeiten gerne mit den ausdrucksvollen und dauerhaften Eigenschaften des Glases. Anwendung findet das Glas weltweit in Flughäfen,

Kirchen, Denkmälern, Innenbereichen, Eingangshallen etc., zum Beispiel auch bei der Fertigung der beleuchteten Ziffernblätter des Londoner Big Ben. Dem Zeitgeist entsprechend, hat der Visionär erst vor kurzem die „Galerie LambertsGlas®“ in den Räumlichkeiten seiner Glashütte eröffnet. Hier präsentieren sich handgefertigte und mundgeblasene Glasunikate in allen erdenklichen Farben und Formen. Hochwertige Wandleuchten mit neuester LED-Technik hängen neben einzigartigen Schalen, Glaskugeln und anderen Glasobjekten. Im „Lamberts-Shop“ findet man auch filigrane Designer-Stehleuchten aus großen Glasballons und Zylindern, welche ganz neu im Lieferprogramm der Waldsassener Hütte sind. Well-Being auf ganzer Linie, denn das kunstvolle Lamberts-Glas kann jedermann auch in sein Wohnzimmer holen. Ein wahres Paradies für den Architekten, Endverbraucher, aber auch für die Glaserbetriebe, die es verstanden haben, rechtzeitig auf den „Zug des Well-Beings“ aufzuspringen.

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Geschrieben von
Stefan Kieckhöfel
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